Aktuelle Studien mit Vitaminen

14.11.2012
Kürzlich wurden mehrere Studien zu Vitaminen und dem Risiko für Krankheiten (Herz-, Krebserkrankungen) veröffentlicht. Drei dieser aktuellen Studien – zu Multivitamintabletten, zum Vitamin-D-Spiegel sowie zu Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12 – und ihre wichtigsten Ergebnisse haben wir für Sie zusammengestellt.

Multivitamintabletten: Geringeres Gesamtkrebsrisiko

Eine große amerikanische Studie (Physicians`Healthy Study II), die im Rahmen eines amerikanischen Krebskongresses vorgestellt und in einer hoch renommierten Zeitschrift (Journal of the American Medical Association (JAMA)) veröffentlicht wurde [1], kam zu dem Ergebnis, dass die tägliche Einnahme eines Multivitaminpräparates zu einer moderaten, aber signifikanten Verringerung des Gesamtkrebsrisikos (um fast 10 %) bei Männern im mittleren und höheren Alter führte. Allerdings konnte kein Effekt in Bezug auf Prostatakrebs, der Krebssterblichkeit oder die Gesamtsterblichkeit festgestellt werden.

An der Untersuchung nahmen 14.641 US-amerikanische Ärzte über einen Zeitraum von 10 bzw. 13 Jahren teil, die zu Beginn der Studie mindestens 50 Jahre alt waren. Die Studie hatte das Ziel, Risiken und Vorteile einer täglichen Multivitamineinnahme über einen längeren Zeitraum zu prüfen. Im Rahmen dieser randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie wurde als Verum ein handelsübliches Nahrungsergänzungsmittel (mit Dosierungen der Vitamine, die sich an den einschlägigen Empfehlungen orientieren) eingesetzt.

Die Studie zeigt, dass die Einnnahme eines Multivitamin-Supplements zusammen mit einem gesunden Lebensstil eine zusätzliche Wirkung zu haben scheint. Die Teilnehmer waren nicht adipös, nur 3,5 % waren Raucher, 60 % machten regelmäßig Sport, der mittlere Verzehr von Obst und Gemüse lag bei 4,3 mal/Tag, Vollkornprodukte wurden täglich und rotes Fleisch nicht jeden Tag verzehrt. In der New York Times wurde das Ergebnis durchaus auch skeptisch diskutiert (Zufallseffekt, nur männliche Mediziner wurden untersucht und damit besonders gesunde Personen und kaum Raucher). Allerdings wurde auch festgehalten, dass es abgesehen vom Rauchen kaum etwas gibt, das das Krebsrisiko um fast 10 % verringert. Daher könnte auch dieser kleine Effekt für die allgemeine Gesundheit von großer Bedeutung sein.

In der Diskussion über den Sinn von Nahrungsergänzungsmitteln wurden besonders in den letzten Jahren negative Ergebnisse über Studien mit Vitaminen und Krankheiten sehr häufig unreflektiert (oftmals Megadosen, Ergebnisse wurden an Kranken erhoben, methodische Mängel etc.) von den Medien aufgegriffen und haben dem Image sowie den Verkaufszahlen von Nahrungsergänzungsmitteln geschadet. Das positive Ergebnis dieser aktuellen Langzeitstudie zu Multivitamintabletten und einem verringerten Krebsrisiko steht diesem entgegen.

Vitamin D, Herzkrankheiten und Sterblichkeit

Eine weitere aktuelle Studie [2] untersuchte bei mehr als 10.000 Menschen in Dänemark über 29 Jahre hinweg die Zusammenhänge zwischen dem Vitamin D-Spiegel (Plasma 25 (OH) D) und dem Auftreten von Herzkrankheiten sowie der Sterblichkeit. Zugleich wurde eine Meta-Analyse unter Berücksichtigung von 35 anderen Studien durchgeführt. Beobachtet wurde ein zunehmendes Risiko für ischämische Herzerkrankungen, Herzinfarkte und frühen Tod mit abnehmendem Plasma-25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegel.

Dies bestätigt die von der Ernährungswissenschaft in den letzten Jahren erkannte Wichtigkeit einer ausreichenden Vitamin D-Versorgung. Forschungsergebnisse der letzten Jahre lieferten Hinweise auf eine Rolle des Vitamin D für die Prävention verschiedener chronischer Krankheiten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat in diesem Jahr Ihre Empfehlungen für Vitamin D unter der Annahme einer fehlenden körpereigenen Bildung von 5 µg auf 20 µg erhöht. Bereits im Jahr 2010 hatte das amerikanische Institute of Medicine den Wert für die empfohlene Dosis auf 15 µg erhöht.

Die derzeitige Datenlage bestätigt, dass eine gute Vitamin D-Versorgung bei älteren Menschen das Risiko für Stürze, Knochenbrüche, Kraftverlust, Mobilitäts- und Gleichgewichtseinbußen sowie vorzeitigen Tod senken kann.

Dagegen gibt es keine hohe Beweiskraft für eine Risikosenkung für Krebskrankheiten, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Diabetes Mellitus Typ II durch Vitamin D. [3] Das allerdings bei Vitamin D durchaus noch weiterhin Forschungsbedarf besteht, zeigen auch widersprüchliche Studienergebnisse. In einer ebenfalls kürzlich veröffentlichten Studie [4] wurde der Vitamin D-Status von Nachkommen von über 90-jährigen mit dem von deren Lebenspartnern verglichen. Das Ergebnis deutet auf einen Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin D-Konzentrationen und einer familiären Langlebigkeit hin.

Folsäure, B6 und B12: Kein Risiko für kolorektale Adenomen

Das „Journal of the National Cancer Institute“ veröffentlichte eine Studie [5], die keinen statistisch signifikanten Effekt – weder Nutzen noch Schaden – einer kombinierten Vitamingabe aus Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12 auf das Risiko für kolorektale Adenomen bei Frauen feststellen konnte. Untersucht wurden 1.470 Teilnehmer der Women’s Antioxidant and Folic Acid Cardiovascular Study, eine randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie mit weiblichen Angehörigen der Gesundheitsberufe mit hohem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Insbesondere Studien, die bei höherer Folsäurezufuhr eine Zunahme an kolorektalen Adenomen zeigten [6], führten in der Wissenschaft zur Erkenntnis, dass es sich bei der Folsäure um ein zweischneidiges Schwert handelt.

Einerseits herrscht in Deutschland eine Unterversorgung sowie Folsäuremangel (welcher zu schweren Missbildungen des Neugeborenen führen kann), andererseits ist eine zu hohe Aufnahme nicht unproblematisch. Daher überarbeitet derzeit eine Arbeitsgruppe der DGE unter Mitarbeit des BfR den DACH-Referenzwert für die tägliche Aufnahmemenge für Folsäure. Es ist zu erwarten, dass der Referenzwert für Erwachsene von derzeit 400 µg auf 300 µg Folat-Äquivalent/Tag gesenkt wird.

Literatur

[1] Gaziano JM et al. : Multivitamins in the prevention of cancer in men. JAMA, published online, October 17, 2012

[2] Brondum-Jacobsen et al. :  25-Hydroxyvitamin D Levels and Risk of Ischemic Heart Disease, Myocardial Infarction, and Early Death: Population-Based Study and Meta-Analyses of 18 and 17 Studies. Arterioscler  Thromb Vasc Biol. 2012; 32: 2794-2802

[3] Gemeinsame FAQ des BfR, der DGE und des MRI vom 22. Oktober 2012

[4] Noordam R et al.: Levels of 25-hydroxyvitamin D in familial longevity: the Leiden Longevity Study. CMAJ (first published online Nov 5, 2012)

[5] Yiqing Song et al.: Effect of Combined Folic Acid, Vitamin B6, and Vitamin B12 on Colorectal
Adenoma; JNCI Articles Vol. 104, Issuue 20, October 17, 2012

[6] Cole BF et al.: Folic Acid for the Prevention of Colorectal Adenomas: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2007 Jun 6; 297(21):2351-9

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